Ist Fahrradfahren gefährlich?
Die andauernden Hinweise auf Fahrradhelme und andere Aspekte erwecken den Eindruck, Fahrradfahren sei gefährlich. Das ist aber nicht der Fall. Fahrradfahren ist sicherer als das Aufhängen von Gardinen. Doch kann der Fahrradfahrer sein Vorankommen noch sicherer gestalten.
Der Fahrradhelm
Ein Fahrradhelm schützt weder Handgelenke noch Schlüsselbein. Er schützt nur in einigen Fällen den Kopf. Er ist ein sinnvolles Accessoir, aber eben kein Allheilmittel. Die meisten Unfälle mit Kopfverletzung eines Fahrradfahrers werden von Kraftfahrzeugführern verursacht. Die Ursache der Verletzungen müßte beseitigt, nicht das Symptom durch einen Helm gemildert werden. Die Ursache liegt in der unaufgeklärten Benutzung von Radwegen, wo der Fahrradfahrer außerhalb des Sichtfeldes der Verkehrsteilnehmer auf der Fahrbahn fährt, so daß ihm an Knotenpunkten der abbiegende Kraftfahrzeugführer auf die Motorhaube nimmt. Eine weite Ursache ist die Unaufmerksamkeit und Überforderung vieler Kraftfahrzeugführer.
Witzigerweise gibt es laut Hannelore-Kohl-Stiftung, die sehr gerne eine Helmpflicht für Fahrradfahrer fordert, nicht nur absolut mehr Schädel-Hirn-Traumata bei verunfallten Autoinsassen als bei verunfallten Fahrradfahrern. Wieso fordert diese Stiftung dann nicht eine Helmpflicht für Autoinsassen?
Eine Helmpflicht für Fahrradfahrer wäre kontraproduktiv. Studien aus einigen Staaten der USA, aus Neuseeland und Australien, wo es Helmpflichten gibt, zeigen, daß die Zahl der Fahrradfahrer nach Einführung der Helmpflicht deutlich zurückgeht, die Zahl der Unfälle aber gleich bleibt oder gar steigt. Je mehr Fahrradfahrer unterwegs sind, desto sicherer fahren sie, weil sie im Bewußtsein der anderen Verkehrsteilnehmer präsent sind.
Der Radweg
Böse Zungen behaupten, Radwege würden gebaut, um den Autoverkehr vom Radverkehr zu befreien. Das subjektive Sicherheitsempfinden auf Radwegen ist trügerisch. Je nach Studie liegt die Gefahr auf einem Radweg an Knotenpunkten, das sind Ausfahrten oder Einmündungen, bis zu 12 oder gar 14 mal höher als bei der Fahrt im Längsverkehr auf der Fahrbahn. Auf linksseitigen Radwegen ist das Risiko sogar bis zu 20 mal höher. Insbesondere wenn die Mindestkriterien nicht erfüllt werden, ist das Unfallriko sehr hoch (BASt V 184). Am sichersten fahren Radfahrer auf der Fahrbahn.
Das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer
Wer auf der Fahrbahn fährt, fährt sicherer. Einige wenige andere Verkehrsteilnehmer lassen sich dadurch aber zu Erziehungsmaßnahmen hinreißen. Sie überholen mit zu geringem Abstand, pöbeln oder neigen in Extremfällen zu Nötigung durch Ausbremsen. Das Regelbewußtsein ist bei vielen Kraftfahrzeugführern leider nicht ausgeprägt. Insbesondere wissen sie häufig nicht, daß Radfahrer nicht zwingend auf einem Radweg fahren müssen.
Dem Autor dieses Beitrages widerfahren vielleicht 2 Nötigungen je 500 km. Bei Fahrt auf dem Radweg dagegen gibt es auf 500 km viel mehr wirklich brenzlige Situationen an Einmündungen oder Ausfahrten.
Fahrradfahrer müssen mit einem Mindestabstand von mindestens 1,5 m überholt werden. Dazu ist im Regelfall ein Wechsel auf die Gegenspur notwendig. Ansonsten muß der Autofahrer hinter dem Radfahrer bleiben.
Das eigene Verhalten
Ein Fahrradfahrer sollte selbstbewußt auftreten, aber jeder Zeit defensiv reagieren. Nach Rechts zum Fahrbahnrand sollte ein Sicherheitsabstand von 0,8 bis 1 m bestehen, zu länks parkenden Automobilen sogar 1 bis 1,5 m. So ist ein Ausweichen möglich, falls einer zu eng überholt, außerdem fängt der Fahrradfahrer sich keine sich öffnende Tür.
Ein Fahrradhelm hilft in wenigen Fällen, die Gesundheit zu bewahren. Dahrer ist es sinnvoll, sich einen Fahrradhelm aufzusetzen. Das soll jeder für sich selbst abwägen.
Zusätzliche Reflektoren an der Kleidung helfen, die Wahrnehmbarkeit zu erhöhen. Reflektorbänder, Reflex-Koppel oder gar Warnwesten helfen. Schon der Reflexstreifen am Rucksack kann helfen.
Fahrradhandschuhe erhöhen nicht nur die Griffsicherheit, sondern sie schützen auch vor Schürfwunden in der Handfläche, die auch eine Folge eines Alleinunfalles mit Sturz sein können.
Wenn sich der schnellere Verkehr hinter ihm staut, sollte der Fahrradfahrer außerorts mal rechts heranfahren und die Schnelleren passieren lassen, wie es der § 5 VI StVO verlangt. Innerorts ist das meist unzumutbar.
Wichtig ist das Wissen über den Toten Winkel. Neben LKWs und Bussen radelt es sich gefährlich. Sicherheitsabstände sind wichtig, niemals knapp rechts an einem stehenden LKW vorbeifahren!
Der Algemeine Deutsche Fahrradclub hat auf seiner Internetpräsenz ein paar Verhaltenstips zusammengestellt. Der ADFC Mönchengladbach hat 10 Verhaltensregeln formuliert.
Unfallbeteiligung
Statistisch betrachtet haben Fahrradfahrer einen steigenden Verkehrsanteil von derzeit etwa 11% bundesweit. In vielen Orten liegt der Anteil über 25%.
"Von den insgesamt 79 658 „Fahrradunfällen“ mit Personenschaden waren 16% Alleinunfälle. Bei 3,3% der Unfälle waren mindestens drei Verkehrsteilnehmer beteiligt und bei 81% gab es nur einen weiteren Unfallbeteiligten (64 577). Auch hier war ein Pkw der häufigste Unfallgegner (74%). Bei 8,5% war ein weiterer Radfahrer und bei 6,4% war ein Fußgänger der Unfallgegner. Insgesamt galten 42% aller unfallbeteiligten Radfahrer als Hauptverursacher eines Unfalls. Bei Unfällen mit Pkw war der Radfahrer nur zu 26% und bei Unfällen mit Güterkraftfahrzeugen nur zu 22% der Hauptverursacher des Unfalls. Besonders häufig trug der Radfahrer die Hauptschuld bei Unfällen mit Fußgängern, nämlich zu 63%. Auch bei Unfällen mit Motorrädern war der Radfahrer überdurchschnittlich häufig der Hauptverursacher (zu 56%)." (Statistisches Bundesamt, Zweiradunfälle im Straßenverkehr 2008, Wiesbaden 2010, 6)
Aktualisiert (Dienstag, den 20. Juli 2010 um 22:58 Uhr)


